Ausgaben » Ausgabe #64

Ausgabe #64 - Oktober/November 2008

Editorial der Ausgabe Oktober/November 2008 (#64)

Liebe Leserin, lieber Leser,
du hältst gerade die neue Ausgabe des FreibÄrgers in den Händen. Die Sommer-Party-Laune ist so langsam leider vorbei und auch diese Ausgabe ist inhaltlich theoretischer, jedoch keinesfalls trist. „Gegen jeden Extremismusbegriff“ fordern nicht nur die INEX aus Leipzig, sondern auch die Autor_innen dieser Ausgabe. Neben einer kritischen Auseinandersetzung mit der Entstehung rassistischer, antisemitischer und sexistischer Weltbilder in der so genannten „Mitte der Gesellschaft“ geht es im ersten von sieben Teilen einer neuen Serie, die in den nächsten Ausgaben forgesetzt wird, um den Versuch einer inhaltlichen und geschichtlichen Definition des Faschismusbegriffes. Dort wird uns auch die Debatte um die Totalitarismustheorie weiter beschäftigen. Wer nach so viel Theorie noch Lust auf Praxis hat, dem oder der seien zwei Demonstrationen im Oktober ans Herz gelegt. Die Aufrufe dazu finden sich ebenfalls auf den folgenden Seiten.

Unsere Homepage wird in den nächsten Tagen endlich online gehen und unser realer und virtueller Briefkasten freut sich über jede Post, ob Anregungen, Kritik, Unterstützung oder Ideen für Themen. Und auch neue Mitstreiter_innen sind herzlich willkommen.

Die Redaktion

Cover der Ausgabe #64 des FreibÄrger

Cover der Ausgabe #64 des FreibÄrger

Inhalt

Thema
Gegen jeden Extremismusbegriff
Faschismus - Nur ein Extrem der Mitte?
Ein Blick in die Mitte

Politics
Freiheit statt Angst

Antifa
Den Nazis Dampf machen!
Neonazikonzert in Gränitz
VOLKlore und Ethnozentristisches “Multi-Kulti” in Köln

Lokales
Bombenstimmung in Freiberg
NPD im Kreistag

Kultür
Erfolgsgeschichte Bundesrepublik?

Theorie
Die Geschichte des Faschismus Teil I

Ein Blick in die Mitte

Rechtsextreme Einstellungen und ihre Ursachen in Deutschland

Vor knapp 2 Jahren, im November 2006, hatte die Friedrich-Ebert-Stiftung eine Studie von Dr. Oliver Decker und Prof. Elmar Bähler der Uni Leipzig mit dem Titel “Vom Rand zur Mitte - Rechtsextreme Einstellungen und ihre Einflussfaktoren in Deutschland” vorgestellt und damit einige Aufmerksamkeit in der Medienlandschaft auf sich gezogen. Denn es hatte sich bei der Befragung von über 5000 Deutschen gezeigt, dass rechtsextreme Einstellungen kein Phänomen einiger Randgruppen sind, sondern tief verankert in der Mitte der Gesellschaft zu finden sind. So stimmten z.B. über ein Viertel der Befragten ausländerfeindlichen Aussagen zu. Bei 8,6% der Studienteilnehmer wurde gar ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild konstantiert. Die Unterschieder zwischen Ost und West waren dabei nicht besonders groß. Die Studie hatte mehrere interessante Ergebnisse zu den Ursachen rechtsextremer Einstellungen. Einerseits führt fehlende politische Einflussmöglichkeit eher zu einer rechtsextremen Einstellung als mangelnde wirtschaftliche Unabhängigkeit. Außerdem ist die persönlicher Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben und der eigenen wirtschaftlichen Situation entscheidender für die Ausprägung rechter Ressentiments als die tatsächliche individuelle ökonomische Situation. Eine weitere wichtige Erkenntnis ist die Tatsache dass Rechtsextremismus kein Phänomen der Jugend ist sondern sich durch alle Altersstufen zieht. Insofern ist es wichtig öffentlich geförderte Programme gegen Rechtsextremismus nicht nur auf die Jugend zu konzentrieren.

Den vollständigen Artikel lesen »

Die NPD Mittelsachsen

Am 20. August fand die konstituierende Sitzung des neuen Kreistag Mittelsachen in Freiberg statt. Im neuen Kreistag, der nach der Kreisgebietsreform die alten Landkreise Freiberg, Döbeln und Mittweida umfasst, sitzen auch 4 Abgeordnete der NPD.

Schon im März erfolgte die Neugründung des NPD Kreisverbands Mittelsachsen, welcher aus den alten Verbänden Mittweida, Döbeln und Freiberg hervorging. Laut NPD Angaben soll er ca. 80 Mitglieder umfassen. Der neue Vorsitzende ist der Freiberger Jens Korb (45 J.). Seine Stellvertreter sind der JN-Stützpunktleiter für Freiberg und stellv. JN-Landesvorsitzende Steve Weißbach (25 J.) aus Lichtenberg und das Landesvorstandsmitglied der NPD Wilko Winkler aus Mühlau. Weißbach war an verschieden JN und NPD -Aktionen in Freiberg beteiligt so zum Beispiel am 7.März 2007, als er zusammen mit Freiberger und Dresdner Nazis, unter ihnen auch der bekannte Nazi-Akivist Maik Müller (aus Dresden), eine Kundgebung der Jungen Linken in Freiberg störte.

Den vollständigen Artikel lesen »

VOLKlore und ethnozentristisches “Multi-Kulti” in Köln

Der rechtspopulistische “Anti-Islamisierungskongress” in Köln und sein Scheitern

Vom 19.-21. September 2008 wollte die rechtspopulistische Bürgerinitiative „Pro Köln” den so genannten „Anti-Islamisierungskongress” durchführen. Eingeladen waren unter anderem Rechtpopulist_innen aus ganz Europa, so z. B. Jean-Marie Le Pen der Front National aus Frankreich und Heinz-Christian-Strache von der FPÖ aus Österreich. Beide sagten jedoch kurz vor dem Kongress ihre Teilnahme ab.

Der gesamte Kongress geriet zum Fiasko, da tausende Antifaschist_innen bereits Freitag Abend mit ihren Protesten begannen. Statt einer von „Pro Köln” angekündigten Pressekonferenz mussten sich die anwesenden Rechtspopulist_innen auf den Rheindampfer „Moby Dick” flüchten, der mehrmals angegriffen und entglast wurde. Von 1500 erwarteten Sympathisant_innen schafften es am Samstag gerade einmal ein paar Dutzend Menschen zum Kundgebungsort. Rundherum blockierten Antifaschist_innen die Straßen, Zufahrtswege und U-Bahn-Ausgänge. Schließlich verbot die Kölner Polizei auch die Abschlusskundgebung, da “die Sicherheit unserer Kölner oberste Priorität hat”. Das war wohl vor allem der Tatsache geschuldet, dass neben Antifaschist_innen auch ein breites bürgerliches Bündnis gegen den Kongress mobilisierte und sich deshalb die Polizei weigerte alle Mittel zur Durchsetzung des Kongresses einzusetzen.

Den vollständigen Artikel lesen »

Bombenstimmung in Freiberg

Am 7. Oktober 1944 flogen alliierte Bomberverbände der 8. US-Luftflotte einen Angriff auf Freiberg, da im Zielgebiet der tschechischen Stadt Most starker Nebel festgestellt wurde. Bei dem Angriff von 24 Flugzeugen kamen 172 Menschen ums Leben. Heute erinnern eine Gedenktafel am Freiberg-Kolleg, sowie ein Denkmal auf dem Friedhof an die Getöteten.

Seit einigen Jahren ist das Datum auch für regionale Neonazis bedeutsam. Vor 2 Jahren marschierten etwa 50 Nazis aus dem Umfeld der “freien Kameradschaften” unter Führung des NPD-Landtagsabgeordneten René Despang begleitet von klassischer Musik durch Freiberg. Letztes Jahr versammelten sich etwa ein Dutzend Nazis mit Reichkriegsflaggen auf der Burgstraße und liefen unter Polizeieskorte geschlossen zum Friedhof, wo sie Kränze ablegten und den vermeintlichen Opfern gedachten.

Wahrscheinlich wird es auch dieses Jahr zu Aktionen kommen, in denen die Nazis ihr geschichtsrevisionistisches Weltbild zur Schau stellen und in klassischer Täter_innen-Opfer-Umkehr die Toten des Bombenangriffs auf Freiberg instrumentalisieren. Doch auch Mitglieder der SPD- und CDU-Fraktion des Freiberger Stadtrates hatten keine Berührungsängste, als sie am s.g. “Volkstrauertag” am 18. November 2007 gemeinsam mit 16 Neonazis den vermeintlichen Deutschen Opfern gedachten. Die damalige Oberbürgermeisterin Uta Rensch (SPD) hatte dazu aufgerufen.

Hier sei angemerkt, dass jede_r Angehörige das Recht hat individuell zu gedenken. Aber eine kollektive Vereinnamung unter Ausblendung der deutschen Täter_innenrolle, wie sie die Nazis und die bürgerlichen Kräfte vollziehen, lässt sich nur als Geschichtsrevisionismus interpretieren. Es ist zynisch, das am Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus jedes Jahr die selben Menschen Kränze niederlegen, während kaum ein_e Vertreter_in des Stadtrates anwesend ist.

Mensch darf gespannt sein, wie sich der neue Bürgermeister Bernd-Erwin Schramm (parteilos) positionieren wird.

Die Geschichte des Faschismus

Der Faschismus: Versuch einen ambivalenten Begriff zu analysieren.

“Der Faschismus hat einen Namen, der an sich nichts sagt über den Geist und die Ziele der Bewegung. Ein Fascio ist ein Verein, ein Bund, Fascisten sind Bündler, und Fascismus wäre etwa Bündlertum.1

Als der deutsche Sozialdemokrat Fritz Schotthöfer diese Worte im Jahre 1924 niederschrieb, war ihm wohl durchaus bewusst, dass der Terminus Faschismus an sich überhaupt nichts aussagt. Stattdessen erklärte er in dieser Schrift vielmehr Faschismus und Bolschewismus zu Brüdern im Geiste der Gewaltsamkeit2. Nun ist es aber falsch Schotthöfer deshalb zu einem Vordenker der so genannten Totalitarismustheorie zu erklären. Ein Blick auf die Geschichte des italienischen Faschismus beweist eher, dass zahlreiche Anhänger_innen des linkssyndikalistischen Flügels der italienischen Sozialisten - zu denen im Übrigen auch Benito Mussolini gehörte - einen wesentlichen Einfluss auf die entstehende faschistische Bewegung in Italien hatten. Das soll nicht heißen die italienische Linke oder zumindest große Teile davon waren per se willige Geburtshelfer_innen der PNF3. Es beweist aber, dass sich im italienischen Faschismus etwas ganz Neues die Bahn brach, dass nicht im Geringsten etwas mit bisher etablierten politischen Strömungen oder bekannten gesellschaftspolitischen Akteuren gemein zu haben schien.

Was Schotthöfer seinerzeit nicht ahnen konnte: Das Synonym “faschistisch” kennzeichnete schon längst eine Bewegung, die durch ihre Rigorosität und Brutalität jeden Versuch die menschliche Existenz ethisch und moralisch zu bestimmen in Frage stellen sollte. Generell hat sich die Geschichtsphilosophie seitdem mit der brennenden Fragestellung zu befassen, inwiefern aktuelle Gesellschaftsprozesse zwangsläufig in Barbarei münden. Kein Wunder also, dass es heutzutage auch Konsens ist, die faschistische Ideologie als unheilvollste, zugleich aber auch als massenwirksamste Ideologie des 20. Jahrhunderts zu begreifen.

In den Geisteswissenschaften, vor allem in den geschichtswissenschaftlichen Kontroversen, spielt die Faschismusforschung heute eine gewichtige Rolle. Es gibt mittlerweile zahllose Erklärungsversuche, wobei die meisten das Thema gründlich verfehlen. Wem es interessiert, einen sehr guten Überblick diesbezüglich liefert die umfangreiche aber lesenswerte Arbeit des amerikanischen Historikers Stanley Payne.

Dem Einen ist der Faschismus nur ein epochales Phänomen4. Andere vergleichen die faschistischen Bewegungen und bringen deren Gemeinsamkeiten, mindestens aber auch genauso viele Widersprüche zum Vorschein5. Dann gibt es noch zahlreiche unrühmliche Versuche den real existierenden Sozialismus mit dem Faschismus gleichzusetzen6 oder beide als ein Zwillingspaar zu interpretieren7. Den größten Einfluss auf dem Gebiet solch einer Geschichtsrelativierung hat hierzulande die so genannte Extremismustheorie. Die Apologet_innen8 jener Strömung ignorieren die ideologische Komponente völlig. Stattdessen wird konstatiert, es gäbe an den Rändern unserer Gesellschaft radikale Pole, welche die Autopoesis des gesellschaftlichen Systems irritieren. Die Mehrheitsgesellschaft wird so vom Vorwurf einer möglichen Affirmation faschistischer Ideologiefragmente freigesprochen.

Gleichwohl gibt es aber auch zahlreiche aufschlussreiche Arbeiten. Am informativsten erscheint mir persönlich die Strukturanalyse des kritischen Theoretikers Franz Leopold Neumann9, die sich allerdings nur auf den nationalsozialistischen Staat10v bezieht. Auch die Arbeiten der so genannten generischen Faschismusforschung11 liefern nennenswerte Anhaltspunkte für ein Verständnis faschistischer Ideologeme.

Wird heutzutage danach gefragt, was Faschismus eigentlich sei, dann erhält Mensch in der Regel immer nur Aussagen darüber, was der Faschismus eben gerade nicht ist: Er ist antidemokratisch, antihumanistisch und antiindividualistisch. Im Kern antipazifistisch, sogar bellizistisch - da der Krieg von ihm als regenerierende Kraft, als eine Art Katharsis gedeutet wird. Der Faschismus richtet sich gegen kosmopolitische, liberale, kommunistische, teilweise sogar gegen konservative Gesellschaftsvorstellungen. Der Faschismus lehnt den Parlamentarismus entschieden ab und möchte diesen durch ein autoritatives Führerprinzip ersetzen. Überhaupt delegitimiert sich der Faschismus ohnehin wegen seiner antipluralistischen, sozialdarwinistischen, rassistischen und antisemitischen Weltanschauung. Er wird zumeist als eine völlig irrationale Ideologie beschrieben. Die Diskussionen um eine inhaltliche Definition des Faschismusbegriffes wird also selbst im akademischen Milieu oftmals nur ex negativo geführt. Für eine inhaltsorientierte Begriffsbestimmung ist dies überhaupt nicht hilfreich. Eine solche ist aber notwendig, soll die Ideologie des Faschismus auch nur ansatzweise begriffen werden.

Wenn der Faschismus tatsächlich so irrational ist, wie so oft behauptet wird, warum konnte er sich dann modernster Formen der Massenkommunikation bedienen? Warum gelang den faschistischen Parteien, was sämtliche demokratische Kräfte nicht vermochten: Die Integration nahezu aller Gesellschaftsschichten und -klassen? Wie konnte einer solch irrationalen Lehre wie dem Faschismus im aufgeklärten Europa die bereitwillige Zustimmung der Bevölkerungsmehrheit zuteil werden?

Und der Antifaschismus? In der sich antifaschistisch gerierenden Linken ist die Definition, von einigen wenigen Ausnahmen einmal abgesehen, zum reinen Kampfbegriff verkommen. Immer wieder stelle ich fest, trotz eindeutiger Positionen gegen neofaschistische und neonationalsozialistische Tendenzen seitens linker Aktivist_innen, ist in weiten Teilen dieser Linken nur ein geringes Maß an Wissen über den ideologischen Hintergrund, die historischen Voraussetzungen und die komplexe Entwicklungsdynamik der verschiedenen faschistischen Bewegungen und Regimes vorhanden. Eine antifaschistische Intervention muss so zwangsläufig scheitern, da sie sich nur an Neonazigruppen selbst abarbeitet, die ideologischen Komponenten und die Tatsache einer breiten Zustimmung seitens der Mehrheitsgesellschaft völlig ignoriert.

Zahlreiche traditionslinke Gruppen hängen leider immer noch immer der so genannten Agententheorie an, die besagt, der Faschismus sei die “offene, terroristische Diktatur der reaktionärsten, chauvinistischsten, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals12”. Dieser reduktionistische Blickwinkel auf die vielschichtige Struktur faschistischer Ideologeme lässt eine Analyse zur rein phänomenologischen verkommen. Die Verantwortlichkeit einzelner Akteure und Interessensgruppen, sowie die Zustimmung breiter Bevölkerungsteile, sowie seine praktische Verwirklichung in jenen Ländern, in denen der Faschismus zur politischen Herrschaftsform avancierte, wird dadurch gekonnt ausgeblendet.

Die folgende Artikelreihe über die Geschichte des Faschismus soll deshalb zu einer tiefgründigen Auseinandersetzung mit der Thematik anregen, ohne dabei den Anspruch auf Allgemeingültigkeit zu erheben. In den folgenden Ausgaben dieser Zeitung soll über die unterschiedlichen faschistischen Bewegungen aufgeklärt, sowie deren gesellschaftliche Hintergründe näher beleuchtet werden. Außerdem möchte ich eine kritische Auseinandersetzung mit einer geschichtswissenschaftlichen Einordnung der faschistischen Ideologie und die mannigfachen Theorien zum Faschismus führen. Am Schluss all dieser Betrachtungen werde ich mich mit der Frage einer zwingenden Notwendigkeit antifaschistischer Interventionen bezüglich aktueller Gesellschaftsentwicklungen und der realen Gefahr möglicher Refaschisierungstendenzen befassen. Getreu einem Diktum Adornos, dass “die Bereitschaft zum Unsäglichen fortwest in den Menschen, wie in den Verhältnissen, die sie umklammern.13” Ich wünsche viel Vergnügen bei folgender Lektüre und freue mich bereits jetzt über jedwede kritischen Anmerkungen. Der erste Artikel befasst sich mit den kulturellen Wurzeln der faschistischen Ideologie im so genannten Fin de Siècle.

Anmerkungen:

1 zitiert aus Fritz Schotthöfer: “Il Fascio. Sinn und Wirklichkeit des italienischen Fascismus” Anmerkung: Etymologisch kann der Begriff vom lateinischen Substantiv fasces abgeleitet werden. Einer Art Rutenbündel, das von den Liktoren - der Leibwache ranghoher römischer Beamter - als Symbol der Macht des Imperium Romanum getragen wurde. In den zwanziger Jahren war die italienische Schreibweise recht verbreitet, weshalb gelegentlich vom Fascismus anstatt Faschismus die Rede ist.
2 zitiert nach Stanley Payne: Geschichte des Faschismus. Aufstieg und Fall einer europäischen Bewegung
3 Partito Nazionale Fascista. Nationalfaschistische Partei Italiens. Mit ihrer Gründung am 7. November 1921 wurde die Umwandlung der ebenfalls von Mussolini gegründeten paramilitärischen Fasci di Combattimento in eine umfassendere politische Vereinigung vollzogen
4 siehe in Ernst Nolte: Der Faschismus in seiner Epoche. Action Francaise - Italienischer Faschismus - Nationalsozialismus
5 siehe in Robert Owen Paxton: Anatomie des Faschismus
6 siehe in Karl Dietrich Bracher: Zeit der Ideologien. Eine Geschichte politischen Denkens im 20. Jahrhundert
7 siehe in Ernst Nolte: Der europäische Bürgerkrieg 1917–1945. Nationalsozialismus und Bolschewismus
8 Eckhard Jesse, Uwe Backes et al.
9 Franz Leopold Neumann: Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933-1944
10 Neumann untersucht in seinem Werk den strukturellen Aufbau des nationalsozialistischen Staates. Er greift bewusst auf die Metaphorik von Thomas Hobbes zurück. Neumann vergleicht den nationalsozialistischen Staat nicht mit dem Seeungeheuer Leviathan, dass bei Hobbes den Zusammenschluss zu einem Staatswesen versinnbildlicht. Vielmehr setzt er es mit Behemoth gleich, das für Hobbes antipodisch dazu den gesellschaftlichen Naturzustand der Gesetzlosigkeit symbolisiert
11 Juan Linz, George Lachmann Mosse, Emilio Gentile, Stanley Payne, Roger Griffin et al
12 Faschismusdefinition von Georgi Dimitrow, die er im Juli 1935 anlässlich des VII. Weltkongress der Kommunistischen Internationale in Moskau verkündete
13 zitiert aus Theodor Wiesengrund Adorno: Was bedeutet Aufarbeitung der Vergangenheit?

Faschismus - nur ein Extrem zur Mitte?

Spricht oder liest mensch in Sachsen über Nationaldemokraten aus dem sächsischen Landtag oder von einem Treffen notorischer Antisemiten in Borna oder gar von einem Aufmarsch von “freien Kräften” bzw. aktueller einem Treffen “autonomer Nationalisten” stößt mensch immer seltener auf die Ausdrücke “Faschismus” oder “Nationalsozialismus”, sondern eher auf Ausdrücke wie “Rechtsextremismus” oder “extreme Rechte”. Parlamentarische Anfragen zu Aktivitäten von Neonazis werden von Landes- und Bundesbehörden nur bearbeitet, wenn sie sich auf die gängigen Begriffe der Extremismus– oder Totalitarismustheorie beziehen. Auffällig ist, dass seit dem Bedeutungs- und Machtverlust des “real existierenden Sozialismus”, also seit Ende der 80er Jahre, auch in den Veröffentlichungen von Organisationen, die sich dem Antifaschismus politisch verpflichtet fühlen, immer häufiger die Begriffe “Rechtsextremismus” und “extreme Rechte” Verwendung finden und das, obwohl die NPD und diejenigen, die sich selbst als “freie Kameradschaften” bezeichnen, die Anlehnung an den “Nationalsozialismus” bewusst immer deutlicher und dreister inszenieren. Kaum eine Veranstaltung der NPD und der “freien Kameradschaften”, auf der nicht der “nationale Sozialismus” beschworen oder ein gediegener Antisemitismus gepflegt wird. Der Wechsel in der Begrifflichkeit wurde von Wissenschaftlern und Publizisten – auch aus antifaschistischen Zusammenhängen – vorangetrieben, die sich offenkundig einer bürgerlichen Wissenschaft verpflichtet haben, deren wichtigste Aufgabe darin zu bestehen scheint, die Teilhabe des Bürgertums an einer verbrecherischen Herrschaft wie dem Nationalsozialismus vergessen zu machen.

Den vollständigen Artikel lesen »

Neonazikonzert in Gränitz

Nach Angaben von lokalen Antifaschist_innen fand am Samstag, dem 9. August im Brand-Erbisdorfer Stadtteil Gränitz bei Freiberg ein Nazikonzert mit den “National-Socialist-Hardcore”(NSHC) Bands “Thrima” (Norddeutschland), “Guiltily the Pain” (Löbau), “Painful Awakening” (Mecklenburg-Vorpommern) und “Diary of a Dying Nation” (Altenburg) statt. Ca. 120 Neonazis besuchten das Konzert im Haus des ehemaligen NPD-Vorsitzenden und Holocaustleugners Günther Deckert.

Die Polizei griff nicht ein, weil das Konzert vermutlich als private Geburtstagsfeier getarnt wurde. Antifaschist_innen aus der Region warnen schon seit Jahren, dass sich im ehemaligen Gasthof Gränitz, welchen Deckert bereits im Jahr 2001 erworben hatte, aber aufgrund eines Rechtsstreites erst seit 2007 als Miet- und Wohnhaus nutzen darf, ein regionales Nazizentrum entwickeln könnte.

Mehr Infos zu regionalen Nazistrukturen und dem entstehenden Nazizentrum in Gränitz findet ihr in Zukunft auf der Internetseite der Antifaschistischen Gruppe Freiberg: afg.blogsport.de und unter nazisenthausen.blogsport.de.

Erfolgsgeschichte Bundesrepublik?

Erfolgsgeschichte BundesrepublikDie Nachkriegsgesellschaft im langen Schatten des Nationalsozialismus

Eine Buchkritik

Nächstes Jahr steht der 60. Geburtstag der Bundesrepublik an. Dies wird trotz der momentanen Fokussierung der Öffentlichkeit auf die Deutschen als Opfer der Geschichte sicher Anlass für eine verstärkte Beschäftigung mit den Kontinuitäten zwischen Drittem Reich und Bundesrepublik sein.

Bereits in diesem Jahr ist unter dem Titel “Erfolgsgeschichte Bundesrepublik? Die Nachkriegsgesellschaft im langen Schatten des Nationalsozialismus” zu diesem Thema ein von Stephan Alexander Glienke, Volker Paulmann und Joachim Perels herausgegebener Sammelband erschienen.

In diesem werden in 15 Aufsätzen von jeweils unerschiedlichen AutorInnen verschiedenste Aspekte einer solchen Kontinuität vor allem in den Anfangsjahren der Bundesrepublik in einer großen Breite an gesellschaftlichen Bereichen von Universitäten und Literatur über den Naturschutz bis zur Justiz untersucht.

Den vollständigen Artikel lesen »

Teil I: Das Fin de Siècle und die Renaissance des Irrationalen

“Es war das Fin de Siècle, ein Mythos ohne Glanz. Man hatte sich so sehr an Schnelligkeit gewöhnt, dass sie nicht mehr leidenschaftlich und hoffnungsfroh beklatscht, sondern als Existenzgrundlage angesehen wurde.”1

Der Name Fin de Siècle2, der ursprünglich auf eine gleichnamige französische Komödie zurückzuführen ist, dient heutzutage eher der Umschreibung einer bestimmten kulturellen Epoche im ausgehenden 19. Jahrhundert bis etwa zum Ersten Weltkrieg. Sie wird auch das Zeitalter der Dekadenzdichtung genannt.

Historisch betrachtet war jene Ära von umfangreichen sozialen, gesellschaftlichen und politischen Spannungen geprägt. In der persönlichen Wahrnehmung der Zeitgenossen spielte wohl schon deshalb die Dekadenz, also der propagierte Verfall allgemein anerkannter Norm- und Wertvorstellungen eine besondere Rolle. Was war geschehen?

Den vollständigen Artikel lesen »