Ausgabe #74 - Juli/August/September 2010
22. Juli 2010
Editorial der Ausgabe #74 - Juli/August/September 2010
Liebe Leserinnen, liebe Leser,
aus aktuellen Anlässen dominiert in dieser Ausgabe die Geschichte. Ein erfreuliches Ereignis gleich vorweg: Im September sollen in Freiberg insgesamt 10 neue “Stolpersteine” verlegt werden, die an Freiberger Jüdinnen und Juden erinnern, die den Nationalsozialismus mit ihrem Leben bezahlen mussten. Eines der Schicksale - das von Max Freud - hat Dr. Michael Düsing in dieser Ausgabe exemplarisch vorgestellt, weitere werden in seiner Broschüre “Steine des Erinnerns - Stolpersteine in Freiberg. Die Judenverfolgung in Freiberg zwischen 1933 und 1945” folgen. Schade ist indes, dass die Stolpersteine von privaten Patenschaften finanziert werden müssen. Damit diese 950 Euro für 10 Steine zusammen kommen, rufen wir hier deshalb nochmals zur Übernahme von Patenschaften auf.
Während sich der jüdischen Opfer durch die Verlegung der Steine erinnert wird, zielt die Ausstellung “Die Kriegskindergeneration”, die momentan im Stadt- und Bergbaumuseum zu sehen ist, auf etwas ganz anderes. Einer anderen Opfergruppe, die der Kinder, soll dort Gehör verschafft werden. Dass sich die im Ankündigungstext vollzogene Gleichsetzung verschiedenster Opfergruppen ganz in der Konzeption durchsetzt, war eine Befürchtung, die sich in weiten Teilen bestätigt hat. Dennoch sind die Thematisierung der Zwangsarbeit während des Nationalsozialismus und zwei von Dr. Michael Düsing im Rahmen der Ausstellung angebotene Stadtführungen zur “Geschichte der Juden in Freiberg” positiv hervorzuheben. Dazu mehr auf den folgenden Seiten.
Antisemitismus ist ein sehr aktuelles Thema, das haben die Reaktionen auf den Vorfall um die Mavi Marmara Ende Mai gezeigt. Die einhellige Kritik am Vorgehen Israels quer durch die deutsche Parteien-, Presse- und Meinungslandschaft, die sich auch nicht durch harte Fakten erschüttern ließ, ist dafür erschreckendes Beispiel. Die Scheinheiligkeit dieser Israelkritik offenbart sich nicht zuletzt an der Bewertung tatsächlicher “humanitärer Katastrophen”, wie im Sudan oder den Repressionen, denen die iranische Oppositionsbewegung ausgesetzt ist. Einer Demonstration anlässlich des zweiten Jahrestages der Präsidentschaftswahlen im Iran folgten in Dresden immerhin etwa 100 Menschen. Wir dokumentieren hier nochmal einen Redebeitrag der Antifaschistischen Gruppe Freiberg, der auf der Demonstration verlesen wurde.
Ansonsten gibt es auch in Freiberg wie immer genug Gründe, sich zu ärgern. Der Vorbereitungskreis für das “Fest der Kulturen” will unter der Dominaz des Agendavereins noch immer nicht einsehen, dass es für Flüchtlinge nichts zu feiern gibt und ist nach wie vor der Ansicht, dass Kritik dem Festcharakter nicht entspricht. Der Studentenrat der Uni hat es wohl geschafft in seiner Beliebtheit ein historisches Tief zu erreichen, nicht zuletzt aufgrund der Pleite nach den Studententagen. Im Asylbewerberheim gibt es leider nichts Neues. Immerhin wird im Dresdner Stadtrat bald über dezentrale Unterbringung der Asylsuchenden debattiert. Eine Debatte, die auch in Freiberg notwendig wäre. Vielleicht könnte das auf dem “Fest der Kulturen” Thema sein, aber das ist dem Agenda-Verein sicher zu kritisch. Wir lesen uns zur Jubiläumsausgabe #75.
Die Redaktion
Die aktuelle Ausgabe des FreibÄrger ist am 23. Juli erschienen und wird hier verkauft.
Inhalt:
Thema
Die Kriegskindergeneration in Freiberg
Jüdische Geschichte in Freiberg
Die Fronfeste
“Hat eine arische Frau geküßt”
Patenschaften für Stolpersteine
Lokales
Im Westen von Freiberg nichts Neues
Neues aus dem Stadtrat
Antifa
Autonom und national
Brandanschlag in Döbeln
Politics
Wer Deutschland liebt, muss Griechenland hassen!
Proteste im Iran jähren sich das erste Mal
Freiheit statt Angst - Demoaufruf
Theorie
Suicide Bombing, die antisemitische Opferbewegung und das Völkerrecht












