Einsames Erinnern
10. März 2010
Das Ganze lässt sich am besten am 07. Oktober 2010 illustrieren. Mit zwei Friedensgebten wollten unter anderem der Verein gegen Extremismus und die TU Bergakademie an diesem Tag den Toten der Bombardierung Freibergs im Zweiten Weltkrieg gedenken. Die Veranstaltung stand unter dem Motto: “Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein”. So schön so gut: die Friedensgebete waren aber weder hilfreich dem Geschichtrevisionimus der Neonazis, die an dem Tag eine Kundgebung an der Jakobikirsche angemeldet hatten, zu begegnen, noch konnten sie den Ereignissen des Zweiten Weltkriegs inhaltlich gerecht werden. Man konzentrierte sich auf die “eigenen Opfer” und war nicht gewillt die Bombardierung ausreichend in den geschichtlichen Kontext zu stellen, der offensichtlich werden lässt, dass die Bombardierungen deutscher Städte im Krieg nicht einfach nur eine Rückkehr des von Deutschland ausgegangenen Krieges waren, sondern ein Mittel, um den deutsche Vernichtungskrieg und das Morden in den KZ endlich zu beenden. Und damit wären wir beim eigentlich Thema: Warum versammeln sich 200 Freiberg_innen zu einer Gedenkveranstaltungen für die Toten der Bombardierung, während hingegen jährlich am 27. Januar, dem Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, gerade einmal eine Handvoll Menschen den Weg zum Gedenkstein in der Himmelfahrtsgasse findet? Warum wurde bei den Friedensgebeten und in der Berichterstattung über den 07. Oktober nie umfassend die Rolle Freibergs im Nationalsozialismus thematisiert? Die Antwort auf diese Fragen hat sicher mit einem großen Defizit in der richtigen Auseinandersetzung und Aufarbeitung der Vergangenheit zu tun.
Diesem Defizit wollte die Antifaschistische Gruppe Freiberg mit einer Gedenkkundgebung am 27. Januar, dem 65. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslager Auschwitz durch die Rote Armee, etwas entgegensetzen. In ihrem Aufruf thematisieren die jungen Leute das KZ Außenlager in Freiberg und den heutigen Umgang mit der Geschichte; unter anderem heißt es:
- “In Freiberg befand sich seit August 1944 ein Außenlager des KZ Flossenbürg, in dem rund 1000 weibliche jüdische Häftlinge interniert waren, die zur „Vernichtung durch Arbeit“ im KZ Auschwitz-Birkenau bestimmt worden waren. Auf dem Gelände der ehemaligen Porzellanfabrik Freiberg in der Himmelfahrtsgasse und der Frauensteiner Straße mussten die Häftlinge Zwangsarbeit für die „Freia GmbH“ leisten, einem Betriebsteil der Arado-Flugzeugwerke GmbH Potsdam-Babelsberg, die zu den führenden Luftrüstungsunternehmen Deutschlands gehörte. In bis zu 14 Stunden langen Schichten wurden unter anderem Tragflächen des Jagdflugzeugs Me 109 und Zielvorrichtungen für die V2 hergestellt. Ein anderes Freiberger Unternehmen, die Deutsche Seil- und Drahtfabrik, produzierte den Stacheldraht des Vernichtungslagers Treblinka. In Oederan, Flöha und Hainichen mussten weitere 1600 Menschen Zwangsarbeit leisten.
Trotz der zahlreichen lokalen Beispiele erfolgt die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus meist anhand der Konzentrationslager Auschwitz und Buchenwald und auch da nur punktuell. Ganz so, als lüde man Verantwortung und Schuldgefühle an diesen zentralen Gedenkorten ab, um sicherzustellen, im Alltag nicht mit Nazi-Verbrechen konfrontiert zu werden. Die konkrete Verstrickung von Familienangehörigen und Bürger_innen dieser Stadt in die nationalsozialistische Mord- und Volksgemeinschaft bleibt unbeachtet, obwohl die Zwangsarbeit in Freiberg für alle sicht- und wahrnehmbar gewesen ist. Wie menschenverachtend Teile der Freiberger Bevölkerung den Zwangsarbeiterinnen begegneten, wird von der Überlebenden Lisa Scheuer in ihrem dramatischen Bericht geschildert: „Oft begegnen wir Freiberger Frauen und alten Männern, die sich zu uns benehmen, als wären wir wilde Tiere. Sie spucken uns an, manchmal fliegt ein Stein, und immer hören wir Schimpfworte, die ich lieber nicht wiederholen will.“ Heute erinnern lediglich eine Plakette am Landratsamt und die zu Unrecht kaum rezipierten Schriften des CJD Freiberg an die Opfer der Zwangsarbeit; zentrale Gedenkveranstaltungen gibt es nicht. Lediglich am „Volkstrauertag“ wird den Zwangsarbeiterinnen gemeinsam mit den anderen Opfern des Nationalsozialismus, den sog. Vertriebenen und den Bombentoten gedacht. Diese Gleichsetzung aller als „Opfer von Krieg und Gewalt“ entzieht den Deutschen und konkret den Freiberger Täter_innen ihre Verantwortung für das Wirken des Nationalsozialismus in Freiberg und setzt Täter_innen mit Opfern gleich. […]
Der NS war auf die breite Bereitschaft und Mitwirkung der Massen angewiesen und fand diese auch bei den Freiberger_innen, die keinen aktiven Widerstand leisteten, als Jüdinnen und Juden diskriminiert, ausgegrenzt und schließlich verfolgt und ermordet wurden, als Pfarrer Friedrich Coch die Nazi-Herrschaft eilfertig mit “Grüß Gott! Glück Auf! Heil Hitler!” begrüßte und als das Kaufhaus Schocken auf der Petersstraße 1939 arisiert wurde. Bleibt zu hoffen, dass am Neubau des Kaufhauses ein Hinweis über die tragische Geschichte nicht fehlen wird.
Am 27. Januar möchten wir all jenen Menschen gedenken, die im Nationalsozialismus aufgrund der ihnen zugeschriebenen Eigenschaften wie „Rasse“, Religion, sexuelle Orientierung, politische Einstellung und Behinderung diskriminiert, verfolgt, gequält und ermordet wurden. Dabei möchten wir auch die besondere Qualität des deutschen Vernichtungsantisemitismus noch einmal hervorheben, der eine der wesentlichsten Ideologien des Nationalsozialismus war. […]”
Zu der Gedenkkundgebung am Freiberger Rathaus versammelten sich schlussendlich leider nur 30 überwiegend junge Personen, die mit Hilfe einer kleinen Ausstellung, die aus drei A1 Plakten bestand, über die Geschichte des KZ Außenlager und das Leben der Zwangsarbeiterinnen informierten. Ein großzügiger Infotisch gab zusätzlich die Möglichkeit, sich bei der Lektüre von Flyern und diversen Büchern einmal tiefgehender mit dem Thema zu beschäftigen. Es ist wirklich sehr schade, dass nicht mehr Menschen Interesse an diesem Erinnern und an einer kritischen Auseinandersetzung mit der Geschichte Freibergs, dem Antisemitismus und dem deutschen Nationalismus hatten. Diskussionen, auch konträrer Standpunkte, wäre sicher gewünscht gewesen.
Mehr Informationen zum KZ Außenlager Freiberg sind unter Juden in Mittelsachsen oder in den Büchern „Wir waren zum Tode bestimmt – Jüdische Zwangsarbeiterinnen erinnern sich“ von Michael Düsing und in Pascal Cziborras Buch „KZ-Freiberg” zu finden.




