Du bist (k)ein Nichts im Ganzen!
10. März 2010
Wie es die Tradition verlangt, fand am zweiten Sonntag des Jahres in der Nikolaikirche der feierliche Neujahrsempfang der Universitätsstadt Freiberg statt. Dort wurden zwei Freiberger mit dem „Bürgerpreis“ der Stadt ausgezeichnet. Geladenen Gästen war es vorbehalten, auf den Stühlen am Grund der Kirche Platz zu nehmen. Der Rest durfte von den „Tribünen“ oberhalb der Seitenflügel das Spektakel beobachten. Um überhaupt etwas sehen zu können, musste man sich allerdings im stehen über die Veranda beugen.
Allerlei bekannte Gesichter bekam man dann zu sehen. Den Oberbürgermeister mit seinen beiden Beigeordneten, eingehüllt in ihre Trachten, dazu den Landrat, den Bürgermeister von Mittweida, drei Landtagsabgeordnete, sowie Abgeordnete des Kreistags, Preisträger_innen der Stadt und wichtige Vertreter_innen der Wirtschaft. Kurz: alles was Freiberg so an wichtigen Personen so zu bieten hat, war versammelt.
In den vorher verteilten Einladungsblättern der Stadt diente als Motiv das Donatstor, mit dem 1923 eingesetzten Schriftzug „Gemeinwohl geht über dein Wohl“. Durch das Tor sah man einen fototechnisch eingefügten Weitblick über die Stadt Freiberg. Das ließ einen das Hauptthema der Neujahrsansprache des OB erahnen. Im Jahr 2010 gilt es, so Schramm, „miteinander [zu] Reden“, „Konflikte [zu] bewältigen“ und das große Ganze weiter zu entwickeln, da es auch nach der „friedlichen Revolution […] kein Ende der Geschichte“ gibt. Anschließend wies er auf den im Flugblatt dargestellten Spruch hin und nutzte dies, um den Begriff des Gemeinwohls näher zu betrachten. So betonte Schramm, dass ein vermeintliches Gemeinwohl einen „Gesamtkonsens“ der Bevölkerung unterstellt, den es so nicht gibt. In der Geschichte diente die Berufung auf ein vermeintliches Gemeinwohl, stets der Legitimation von Herrschaft und der Ausschaltung politischer Gegner.
Dennoch erklärte er anschließend, wie aktuell doch dieser Schriftzug, sowie der an der Rückseite des Rathauses - „du bist ein nichts im Ganzen, wenn du ihm nicht dienst“ - seien. Das „Ganze“, so Schramm, könne sich nur weiterentwickeln, wenn der Einzelne nach diesem Spruch handelt. So müsse auch der erste Spruch “Gemeinwohl geht über dein Wohl“ um-verstanden werden. Dabei beruft sich der Bürgermeister keineswegs auf den „volonté générale“ (den „allgemeinen Volkswillen“ von Jean-Jaques Rousseau). Der Spruch solle als Appell verstanden werden, ehrenamtliche Tätigkeit für das Wohl der Gemeinschaft zu verrichten, dessen Zugehörigkeit klar feststeht. Die Zivilgesellschaft, wie sie Schramm hier nach seiner Interpretation einfordert, soll also den gesellschaftlichen Wandel tragen und Verbesserungen herbeiführen. Von dem Wahrheitsanspruch im Realsozialismus befreit, müsse jetzt eine demokratische Kultur gepflegt und sich gegenseitig unterstützt werden, um des Gemeinwohls Willen. Diesmal aber im Sinne der Summe einzelner Bedürfnisse.
Mit einer Möglichkeit der positiven Interpretation des Schriftzuges am Rathaus, steht der Oberbürgermeister nicht allein. So schrieb die Freie Presse, die die Auseinandersetzung mit diesem Thema offensichtlich für überflüssig hielt „So richtig ein Handeln danach auch in Freiberg ist, die Anwesenden wollten Fakten hören.“1. Es scheint, dass dieser Appell auf einige Zustimmung gestoßen ist und gar manchem dabei regelrecht aus der Seele gesprochen hat.
Das „Ganze“ ist in diesem Sinne zu verstehen, als eine Gesamtheit von den Menschen, die sich gleichermaßen mit regionalen Traditionen identifizieren. Dass diese Identifikation so wichtig ist, wie es Schramm später noch einmal betonte, liegt dann wohl daran, dass nur eine sich stark vergemeinschaftende Bürgerschaft gegenseitig unterstützen könne. Wenn also die kollektiven Wertschätzungen regionaler Brauchtümer und Traditionen, der Sprache oder auch vermeintlicher Tugenden usw. als Notwendigkeit beschrieben werden, um effektiv Menschen der selben Gemeinschaft in Form ehrenamtlicher Tätigkeit zu helfen, erfolgt damit die Liquidation des Individuums. Wenn man ein „[…] Nichts im Ganzen […]“ ist, sofern man ihm nicht dient, so hat dies nicht nur zur Folge, dass individuelle Wünsche und Vorstellungen eben keine Rolle mehr spielen, sondern auch, dass man das vermeintliche „Ganze“ gegen äußere Feinde verteidigen muss, da dies ja schlicht die Sicherung der eigenen Existenz bedeutet. Dieser Schutzreflex muss keine eindeutig erkennbaren und nachvollziehbaren Gründe aufweisen und kann, auch wenn das nicht in das Bild eines aufgeklärten Deutschlands passt, nach wie vor schnell in Gewalt umschlagen. Der wütende, deutsche Mob, der 2007 acht Inder in Mügeln verfolgte, und stundenlang ihren Zufluchtsort belagerte, ist dafür bestes Beispiel. Doch neben der Möglichkeit einer gewaltsamen sogenannten „Existenzsicherung“ gibt es noch mehr Gründe, weshalb die ständige Berufung auf ein holistisches Ganzes nichts mit einer emanzipatorischen Entwicklung zu tun hat. Die restlose Identifikation einer Person in Staats- und Gesellschaftsformen („Ich bin Freiberger“, „Ich bin Deutscher“) hat zur Folge, dass eine selbstkritische Betrachtung des eigenen Handelns, über den Grenzen der Gemeinschaftsformation heraus, nicht mehr möglich ist.
So mahnte der Oberbürgermeister auch vor der Gier Einzelner, die eine weltweite Finanzkrise ausgelöst haben sollen. Dass Charakterschwäche oder, mutwillige Bosheit von Einzelnen das auslösende Moment der Finanzkrise gewesen sein sollen, erscheint aber mehr als verwunderlich. Das ehemalige Vorstandsmitglied der Kreissparkasse Freiberg müsste eigentlich wissen, dass Unternehmen sich in ständiger Konkurrenz behaupten müssen. Wer das billigste oder beste Produkt anbietet, oder auch, wer den günstigsten Kredit zu vergeben in der Lage ist, setzt sich durch. Nichts und niemand kann kann da aus der Reihe tanzen. Ob der Verkauf der eigenen Arbeitskraft, der eines Autos oder der Vergabe von Krediten für Immobilien, die eigene Profitmaximierung ist das Überlebensgesetz am Markt. Das kann zur Senkung der Lebensmittelpreise führen, oder aber zur Senkung der Grenzen für die Kreditwürdigkeit. Mit den Akteur_innen des Marktes haben solche Entwicklungen jedoch nichts zu tun. Vielmehr ist eine solche Beschuldigung Ausdruck des Unverständnisses kapitalistischer Produktionsverhältnisse. Die Rede zum Neujahrsempfang des Oberbürgermeisters Bernd-Erwin Schramm passt in den Trend einer „neuen deutschen Identifikation“ in eine angebliche demokratische Kultur und einer vermeintlich gänzlich aufgearbeiteten deutschen Vergangenheit. Eine solche Auffassung verschließt aber sogleich die Wahrnehmung der Kontinuitäten von Rassismus, Antisemitismus, Nationalismus und anderen Ideologien der Ungleichheit.
1) Freie Presse vom 11. Januar, Seite 9



