Demonstration gegen die Dresden Mythen am 12. Februar

Demonstration gegen die Dresden Mythen am 12. Februar

Der 13. Februar zieht Jahr für Jahr tausende Neonazis nach Dresden. Gemeinsam wollen sie den Dresdner Bombentoten gedenken. In geschichtsrevisionistischer Manier verkehren sie dabei die Täter_innen- und Opferrollen. Die Totenzahlen von maximal 25000, wie sie jüngst die von der Stadt eingesetzte Historikerkommission ermittelte, verzehnfachen die Nazis schon mal. Diese Zahl stammt noch aus der goebbelschen Propaganda und hielt sich auch in der DDR hartnäckig. Auch im bürgerlichen Gedenken findet sich diese Propagandalüge heute noch; ebenso wie die Erzählung von Tieffliegerangriffen. Zwar hat es diese nie gegeben, „Zeitzeugen“ behaupten aber gern anderes. Weder waren die eingesetzten Flugzeuge zu solchen Manövern in der Lage, noch wäre es verantwortbar gewesen, in die Nähe des tobenden Feuersturms zu fliegen. Die Historikerkommission suchte gar auf dem Elbwiesen nach Patronenhülsen und kam zu einem ähnlichen Ergebnis. Dennoch hat es im Dresdner Gedenkdiskurs einige Fortschritte gegeben. Während die Stadt der Naziaufmarsch noch vor wenigen Jahren kaum kümmerte und die Dresdner von Deutscher Schuld und den Ursachen des Krieges nichts wissen wollten, initiierte Oberbürgermeisterin Orosz dieses Jahr eine Menschenkette und sprach in ihren Reden klar aus, dass der Krieg von Deutschland ausging. Ein Fortschritt, denn noch letztes Jahr antwortete der CDU-Landtagsabgeordnete Lars Rohwer auf die Frage, was ihn denn am Aufruf des zivilgesellschaftlichen Bündnisses GehDenken, der auch von Vertretern von Kirchen, Gewerkschaften und Parteien unterzeichnet wurde, störe: „Nehmen Sie diesen Satz aus dem Aufruf: Während Leningrad, Rotterdam oder Coventry Ziele des deutschen Angriffs- und Vernichtungskrieges waren, wurde Dresden im Zuge der Beendigung der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft bombardiert. Allein dieser Satz etabliert eine neue Verantwortungsdebatte, die bereits der Vergangenheit angehört hat. Wir Dresdner sind mit unserer Erinnerungskultur aber schon sehr viel weiter. Dieser Satz und diese Initiative werfen uns um Jahre zurück. […]“

Polizeikette am Albertplatz

Polizeikette am Albertplatz

Dennoch gibt es am Dresden-Gedenken nach wie vor genug Grund zur Kritik, auf die die Gruppe „Keine Versöhnung mit Deutschland“ seit Jahren hinweist. So war die Menschenkette vor allem ein symbolischer Akt. Der Naziaufmarsch, dessen Teilnehmer_innenzahlen seit Jahren kontinuierlich wachsen, wurde für die Stadt immer mehr zum Problem und zwang die Oberbürgermeisterin zum Handeln. In diesem Jahr riefen außerdem erstmalig breite Bündnisse zu Blockaden des Aufmarsches auf, nämlich das Antifabündnis „no pasaran“ und „Dresden nazifrei“, das auch von Parteien und Gewerkschaften unterstützt wurde. Die Menschenkette galt auch diesen Bündnissen gegenüber als Abgrenzung und richtete sich mal gegen „Rechtsextremisten“ und mal gegen vermeintliche „Extremisten“.

Nach dem 13. Februar stellt sich das allerdings ganz anders dar. In einer ersten Nachbetrachtung machte Orosz die Menschenkette für die Verhinderung des Naziaufmarsches verantwortlich, musste dann aber schnell zurückrudern, als allen klar war, dass dies allein der Erfolg der beiden Blockadebündnisse gewesen ist. Nun will sich Orosz sogar mit Vertreter_innen des Bündnisses „Dresden nazifrei“ treffen, um im nächsten Jahr gemeinsam agieren zu können.

Geschichtsrevisionistisches Transparent

Geschichtsrevisionistisches Transparent

Der Naziaufmarsch wurde in diesem Jahr jedenfalls erstmalig verhindert. Über 10000 Demonstrant_innen stellten sich den Nazis in den Weg, darunter allerdings eine Menge zwielichtige Gestalten. Denn mit dem Einlassen auf ein breites Bündnis gehen notwendigerweise die Inhalte verloren und so gab es von den Blockadebündnissen kaum inhaltliche Kritik. Kaum an den Nazis und gar nicht an den Dresdener Gedenkmythen. Auf einer Blockade am Albertplatz hielten Blockierer sogar ein geschichtsrevisionistisches Transparent, auf dem die Namen von von Deutschen bombardierten Städten, wie Rotterdam und Coventry, die Namen von Konzentrationslagern und dann Namen deutscher Städte, wie Hamburg und Dresden, standen - ganz so, als wäre die Bombardierung Dresdens mit den deutschen Angriffskriegen und dem Holocaust vergleichbar.

Protest gegen den Dresdner Gedenkweg wurde von der Polizei unterbunden

Protest gegen den Dresdner Gedenkweg wurde von der Polizei unterbunden

Allerdings gab es auch Aktionen, die das bürgerliche Gedenken kritisierten. Für den 12. Februar rief das Bündnis „Keine Versöhnung mit Deutschland“ zu einer Demonstration gegen Deutsche Opfermythen auf, die mit etwa 1000 Teilnehmenden recht gut besucht war. Die Demonstration ging die Strecke des neu geschaffenen „Dresdner Gedenkwegs“ entlang. Dieser Gedenkweg, von Initiatoren um Ludwig Güttler - seines Zeichens Dresdner Lokalgröße und Trompeter – konzipiert, soll an die Zerstörung Dresdens erinnern. Er beginnt an der Synagoge, denn dort hat 1938 laut Konzeption dieses Gedenkweges nicht etwa die Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden begonnen, sondern stattdessen ist von der „Zerstörung Dresdens durch die Nationalsozialisten an der Synagoge, als Beginn der dann später erfolgten totalen Zerstörung [der Stadt]” die Rede . Teil des Gedenkwegs ist außerdem der Altmarkt, wo Georg Hauptmann zitiert wird: „Wer das Weinen verlernt hat, der lernt es wieder beim Untergang Dresdens“. Und schließlich werden dort, wo einst die Sophienkirche stand, Nationalsozialismus und DDR gleichgesetzt. Die zerstörte Ruine der Kirche wurde 1962 auf Anordnung Walter Ulbrichts endgültig niedergerissen. Das finden die Initiatoren so schlimm, dass sie der DDR gleich eine Mitwirkung an der Zerstörung Dresdens unterstellen. Der “Missbrauch der Macht, andauernd 55 Jahre, in zwei politischen Systemen” werde somit offensichtlich. Als der Gedenkweg am 13. Februar erstmals beschritten wurde, protestierten Einige mit Transparenten und Sprechchören gegen diese Gleichsetzung, wurden aber sofort von der Polizei daran gehindert und brutal weg gedrängt. Bei der offiziellen Gedenkveranstaltung am Abend an der Frauenkirche reagierten Dresdner_innen mindestens ebenso gereizt auf Störungen und wurden handgreiflich. Dort wurde das Gedenken mit Pfeifen und Tröten gestört und Kerzen mit Hilfe eines Laubbläsers ausgepustet.

Am Ende des Tages waren Stadt und die Blockadebündnisse wohl zufrieden. In Pirna kam es allerdings noch zu Naziangriffen auf Büros und in zahlreichen anderen Städten führten abreisende Nazis noch Spontandemonstrationen durch. In den darauf folgenden Tagen gab es weitere Übergriffe. An 17. Februar wurde in Pirna ein Jugendlicher von einer Gruppe Nazis überfallen und am 18. Februar ein Brandanschlag auf das Auto des Kreisgeschäftsführers der Linken verübt. Der Naziaufmarsch mag also verhindert wurden sein, der Militanz der Nazis tut das aber keinen Abbruch.