Vielfalt und Toleranz?
11. Dezember 2009
Ein kritischer Bericht über das Freiberger Fest der Kulturen
Zum siebten Mal hatten am 28. November verschiedene Freiberger Vereine und Arbeitskreise zum “Fest der Kulturen” in die alte Mensa geladen. Ziel des “multikulturellen Höhepunkts” sollte die “bessere Integration von ausländischen Mitmenschen ” sowie die Zurschaustellung Freibergs als “weltoffene” und “tolerante” Stadt sein. Dass diese ganze Inszenierung keine Notiz von der Wirklichkeit nahm, wie sie sich in Form von institutioneller Diskriminierung in Gesetzen und Arbeitsmarktstrukturen oder alltäglichem Fremdenhass ausdrückt, lag wahrscheinlich in der Sache selbst.
Eigentlich hätte man sich von einer Veranstaltung, der es um die Integration von Migrant_innen geht, erwartet, dass verschiedenste Menschen mit ihren Problemen und Wünschen zu Wort kommen, dass debattiert und gestritten wird, dass ein wirklicher Austausch stattfindet und endlich einmal an der Lösung von Problemen gearbeitet wird. Das alles, sollte man meinen, wäre nach dem tragischen Selbstmord einer Asylsuchenden in Frankenau und der drohenden Abschiebung des in Freiberg lebenden Künstlers Reza Ganbary, der u.a. den Flyer für das Fest der Kulturen gestaltet hat, eine Selbstverständlichkeit gewesen. Statt dessen wurde das gesamte Fest vollständig entpolitisiert und das “weltoffene” Freiberg bei “landestypischen Gerichten” abgefeiert.
Noch vor Beginn des Festes wurde deutlich, dass Kritik unerwünscht war. Als ein Redakteur des FreibÄrger die Zeitung auslegen wollte - die gerade die deutsche Asylgesetzgebung zum Thema hatte - wurde dies von Herrn Otparlik unter Androhung des Hausrechts verboten. Otparlik ist Projektkoordinator sowie Büroleiter des Freiberger Agenda 21 e.V. und hatte eine besondere Funktion bei der Organisation des Fests der Kulturen inne. Begründet wissen wollte er seinen Schritt mit den Artikeln des FreibÄrger, die in der “Vergangenheit für viel Stress gesorgt haben”. Namentlich benannte er hier den Artikel “Selbstmord in Frankenau” von Falk Schindler, in dem über den Selbstmord einer Asylsuchenden Mutter und den Zuständen im Asylbewerberheim im abgelegen Mobendorf berichtet wurde. Das Vorgehen Otparliks stieß auch bei anderen Mitveranstaltenden auf Unverständnis, schließlich wird der FreibÄrger auch im Interkulturellen Café InCa und dem Brennpunkt e.V. gern verkauft. Von “gelebter Demokratie” wie sie Oberbürgermeister Schramm später auf dem Podium beschwören sollte, merkte man nichts. Davon mal abgesehen, dass es selbstverständlich sein müsste, eine Zeitung, die sich schon seit Jahren für die Belange von Migrant_innen und Asylbewerber_innen einsetzt, bei einem Fest der Kulturen auszulegen und das auch ohne vorherige Absprache. Noch heute wartet die Redaktion vergebens auf eine angemessen Stellungnahme der Freiberger Agenda 21.
Den Auftakt der Veranstaltung bildeten die Grußworte von OB Schramm, Prorektor Prof. Breitkreuz (TU Freiberg) und Dieter Steiner als Vertreter des Landkreises Mittelsachsen. In ihren Reden beschworen sie alle die “tolerante” und “weltoffene” Stadt und wähnten Freiberg als “Zukunftsstandort” - nur wessen Zukunft, fragt man sich. Sicherlich war nicht die Zukunft und das Wohl von einzelnen menschlichen Individuen gemeint, sondern nur die des Wirtschaftsstandortes Freiberg. Das bei so einer Publicityshow für einen “Standort” natürlich nur Gutes genannt werden kann und deswegen Freiberg als das Eldorado der “Völkerverständigung” angepriesen wurde, ist dabei nur logisch. Wer als Redner fehlte, waren die Menschen, mit denen in den Austausch getreten werden sollte: Migrant_innen, Flüchtlinge, ausländische Student_innen sowie Sozialarbeiter oder Menschen, die täglich mit Migrant_innen zu tun haben. Diese konnten sich dann eher um das “kulturelle Programm” verdient machen. Sei es durch “ein Stimmengewirr aus unterschiedlichen Sprachen, Musik vieler Länder und der Duft exotischer Speisen” oder der Zurschaustellung von Volkstänzen.
Die hier erfolgte Reduktion unterschiedlichster Menschen auf eine ihnen angeblich eigene Kultur und deren Zurschaustellung, sowie der Ausblendung der jeweiligen individuellen Wünsche und Bedürfnisse vergisst die soziale, politische und ökonomische Situationen der jeweils Einzelnen. Das führt dazu, dass Diskriminierungs-, Ausbeutungs und Dominanzverhältnisse, die in allen Bereichen und Teilen der Gesellschaft existieren, verschleiert werden. Oder anders: Multikulturalismus duldet zwar die Anwesenheit von Migrant_innen und erfreut sich an an verschiedenen kulturellen Bereicherungen, aber nur in sofern dies politische und ökonomische Vorteile mit sich bringt. Die Möglichkeiten des Ausschlusses, der Abschiebung und der Diskriminierung sind immer schon mit angelegt. Der Kategorisierung und Kollektivierung von Menschen (z.B. in Kultur, Nation und Rasse) und der daraus resultierenden Ungleichbehandlung, wäre ein Zustand von freien und gleichen Individuen entgegen zu setzen, in dem die Menschen im Mittelpunkt stehen.
Besonders dem Interkulturellen Café(InCa) und dem Arbeitskreis Ausländer und Asyl e.V. Freiberg möchte ich ans Herz legen, die Form des Festes zu reflektieren und sich zu überlegen, ob man sich im nächsten Jahr wieder zum Aushängeschild einer angeblich ach so toleranten Stadt macht oder ob nicht von Grund auf etwas anders gemacht werden müsste. Vor allem das Inca und sein Umfeld leisten sonst einen wirklich wichtigen und guten Beitrag, wenn es um die Unterstützung von Migrant_innen und Asylbewerber_innen geht. Sei es in der Form von Rechtsschutz oder in der Vermittlung von sozialen Kontakten, deswegen müssten sie auch wissen, wie unerträglich die Zustände für Migrant_innen in Freiberg und anderswo oft sind.


