“Sie behandeln uns wie Tiere”
15. Dezember 2009
Alexander¹ (21) kommt aus Russland und engagierte sich in einer oppositionellen, politischen Organisation in Puschkino (in der Nähe von Moskau). Bald bekam er Probleme mit den russischen Behörden und musste nach Deutschland flüchten. Dass in Russland noch immer die Grundrechte von Menschen nicht geachtet werden, ist der Grund, weshalb Alexander nun seit drei Monaten im Asylsuchendenheim Freiberg auf die Entscheidung über seinen Asylantrag wartet.
Was waren die Ziele eurer Organisation in Russland und wie habt ihr versucht sie umzusetzen?
A: Wir haben gegen die Korruption gekämpft, da fast alle Behörden in Russland Steuergelder veruntreuen, aber die Öffentlichkeit ist müde und uninteressiert geworden, sich mit alltäglichen Problemen auseinander zu setzen. Regelmäßig hielten wir Kundgebungen ab, was aber schwierig war, da die Polizei diese immer versuchte zu verhindern. Wenn wir zum Beispiel bei einer Kundgebung mit 200 Teilnehmern rechneten, kamen nur 40, da die Polizei die Straße gesperrt und andere Teilnehmer, die sie von Fotos kannte, nicht zu uns gelassen hat. Die Kontrolle der Personalien, willkürliche Platzverweise oder Verhöre sind bei solchen Kundgebungen die Regel.
Anfang März 2009 wurdest du bei einer Kundgebung in Puschkino von der Polizei festgenommen. Wie kam es dazu?
A: Eine Spezialeinheit der Polizei traf mit einem Bus am Geschehen der friedlichen Kundgebung ein und umstellte die Demonstranten. Anschließend kamen andere Polizisten und nahmen gezielt die Organisatoren und mich fest und brachten uns auf das Polizeirevier.
Was passierte nach deiner Festnahme?
A: Zuerst haben sie mich verhört und wollten wissen, warum ich dort war, obwohl es für die Versammlung keine Erlaubnis gab, und welche Ziele wir hatten. Dass wir keine Erlaubnis hatten, lag daran, dass wir mit einer Erlaubnis in der Vergangenheit oft unseren Veranstaltungsort als Straßenbaustelle vorgefunden hatten, obwohl das ganze Jahr eigentlich das Geld für Bauarbeiten fehlte, oder die Polizei dann sowieso die Kundgebung verhinderte. Es macht in Russland keinen Unterschied, ob man eine Erlaubnis hat oder nicht. Ich sagte den Polizisten, dass ich ein freier Mensch bin und wies auf mein Recht zu demonstrieren hin. Es wurde klar, dass die Polizei alles über mich und unsere Organisation wusste. Nun wollten sie wissen, wo sich die Wohnung befindet, in der die Treffen abgehalten werden. Ich leugnete mein Wissen darüber, was wegen der guten Informationslage der Polizei nicht funktionierte. Die Polizei wusste so viel über mich, dass ich einen Spitzel in unseren Reihen vermutete. Also antwortete ich mit Schweigen. Daraufhin ging einer der Polizisten aus dem dunklen Zimmer und wollte das Licht von außen anschalten. Als das angeblich nicht ging, wies er mich an, auf den Stuhl zu steigen und die Birne heraus zu drehen. Ich sagte ihm, dass ich das nicht tun werde, weil ich einen Schlag in meinen Bauch fürchtete, während ich mich strecken würde. Dann kam er auf mich zu und schlug mir unerwartet mit der Faust auf den Kopf. Ich verlor sofort das Bewusstsein. Wie lange, weiß ich nicht. Später wurde ich von der Zelle wieder ins Verhörzimmer gebracht und wieder geschlagen. Den ganzen restlichen Tag, die ganze Nacht ging das so weiter, bis früh. Ich hatte keine Möglichkeit zu schlafen. Ungefähr zehn mal wurde ich so verhört und geschlagen. Am nächsten Tag wurde ich nach Moskau geschafft. Aus dem Fenster sah ich das Stadtzentrum und das Parlamentsgebäude. Ich verstand, dass es zum FSB (Nachfolgeorganisation des KGB, Anmerk. der Red.) ging, der neben dem Parlament seinen Hauptsitz hat. So kam es, dass ich mit einem hohen Offizier des FSB sprach. Als ich ihm sofort von den Polizisten erzählte, die mich geschlagen hatten, zeigte er mir ein Papier, in dem stand, dass ich die Polizisten angegriffen und sie mich daraufhin ruhig gestellt hätten. Der Offizier fragte mich, ob aus diesem Zimmer noch so ein Papier entstehen soll. Ich sagte nein. Also wurde ich von dem Geheimdienstler verhört. Er fragte mich nach der Wohnung. Doch erst wollte ich etwas von meinen Freunden wissen, da ich davon ausgehen musste, dass sie tot waren. Ich schlug vor, dass ich, nachdem ich meine Freunde sehen durfte, die Wohnung zeigen würde. Er akzeptierte. Somit wurde ich wieder zurück noch Puschkino gefahren.
Hattest du vor, den Polizisten die Wohnung zu zeigen, oder war das nur ein Vorwand?
A: Ich wollte die Wohnung nicht zeigen, aber ich hatte einen Plan, dass ich so eventuell flüchten könnte.
Was passierte in Puschkino?
A: Ich dachte wirklich, da ich einen Deal eingegangen bin, könnte ich fest damit rechnen, meine Freunde zu sehen. Bei Ankunft sollte ichjedoch sofort die Wohnung zeigen, ohne meine Freunde zu sehen. Ich bestand aber darauf. Erneut wurde ich auf dem Revier bewusstlos geschlagen. Als ich wieder bei Bewusstsein war, konnte ich nicht aufstehen, da ich heftige Schmerzen im Brustbereich hatte. Ein Polizist gab mir eine Spritze, die meinen Körper taub machte. Ich spürte fast keinen Schmerz mehr. Danach habe ich ihnen gesagt, dass ich die Wohnung zeigen werde. Ich zeigte aber meine eigene Wohnung. Die Heizungen in Russland gehen nur an oder aus. Entweder war es unerträglich kalt oder unerträglich heiß. So musste man die Heizung anschalten und dabei das Fenster öffnen. Mein Plan war es, dass auch die Polizisten das Fenster wegen der Hitze öffnen würden. Und so kam es auch: Angekommen in meiner Wohnung öffneten sie sofort das Fenster und schalteten die Heizung an. Als sie begannen, die Wohnung zu durchsuchen, in dem Glauben, den Hauptsitz gefunden zu haben, blieb ich im Zimmer stehen. Als sich eine Gelegenheit bot, rannte ich los und sprang aus dem ersten Stock. Es war wohl Schicksal, dass ich dank der Spritze, die mir die Polizisten gegeben hatten, keinen Schmerz empfand und weiter rennen konnte.
Wie hast du es anschließend bis nach Deutschland geschafft?
A: Ich kam bei einem Freund unter, wo ich mich zwei Wochen lang versteckte und erholte. Er half mir auch, die Flucht nach Deutschland vorzubereiten.
Wie hast du das Heim in Freiberg vorgefunden?
A: Da kein Zimmer für mich frei war, wohnte ich drei Monate mit einem Iraner in einem schmutzigen, etwa 8 m2 großen Zimmer zusammen. Im Zimmer gab es nur ein Bett, einen kleinen Schrank und einen Stuhl für jeden, sowie einen Kühlschrank für uns. Im Zimmer und in der Gemeinschaftsküche lebten viele Kakerlaken. Die Wände waren, schätze ich, zehn Jahre nicht gestrichen worden. Die Wände im Zimmer waren gelb, braun und schwarz. Also fragte ich den Hausmeister, ob ich Farbe bekommen könnte, da ich nicht wie ein Hund leben wollte. Er sagte, ich müsse die Farbe selber kaufen. Dafür reichten die 40 Euro Taschengeld natürlich nicht. Andere Leute erzählten mir, dass der Hausmeister ihnen schon lange Farbe versprochen hatte. Noch mehrmals fragte ich ihn, doch die Antwort blieb dieselbe. Als ich nach drei Monaten noch immer keine Farbe hatte, sprach ich mit dem Leiter des InCa (Interkulturelles Café, Anmerk. der Red.). Er rief für mich beim Hausmeister an und bat ihn erneut um Hilfe. Am nächsten Tag hatte ich die Farbe und konnte mein Zimmer streichen. Die Heimleitung sagt, warmes Wasser und die Heizung arbeiten bis 23 Uhr. In Wahrheit aber geht die Heizung nur bis um 21 Uhr und warmes Wasser gibt es nur bis etwa 22 Uhr.
Wie hast du es eigentlich geschafft, in so kurzer Zeit so gut Deutsch zu sprechen?
A: Ich habe mir mit einem Wörterbuch selbst Deutsch beigebracht. In Freiberg kann ich nur ab und zu einer Lehrerin Fragen stellen. Aber mir fehlt es an Gesprächen mit Deutschen, um zu lernen. Ich brauche auch regelmäßigen Unterricht.
Und wie geht es dir jetzt hier, was fehlt dir?
A: Nicht gut. Es ist acht Monate her, dass die Polizisten in Russland mich geschlagen haben, jetzt stottere ich immer noch und kann nicht schlafen. Ich habe auch Depressionen und oft keinen Hunger. Nachts wache ich auch manchmal auf und weiß nicht, wo ich bin. Ich war vor etwa drei Monaten das letzte Mal bei einem Psychotherapeuten. Aber das Sozialamt bezahlt nicht mehr, so dass es keine Sitzungen mehr gibt. Seitdem warte ich auf eine Entscheidung des Sozialamts und der Gesundheitsbehörde, ob sie der Meinung sind, dass ich eine Behandlung brauche. Nächste Woche macht ein Arzt ein Gutachten und trifft die Entscheidung, ob ich behandelt werden darf. Letztens war der Hausmeister allein in meinem Zimmer, weil ich mich beschwert hatte, dass das Fenster viel Luft herein lässt und ich gegen Kälte allergisch bin. Doch er sagte, alles sei in Ordnung, in anderen Zimmern sei es viel schlimmer.
Und wenn wir Essen bestellen, müssen wir den doppelten Preis bezahlen, da die Händler selber Gewinn machen wollen. Das meiste Obst und Gemüse ist schon verfault, wenn wir es bekommen, außer Gurken. Und Kleidung waschen: Im Heim leben etwa 120 Leute und es gibt nur fünf Waschmaschinen. Das allerdings noch nicht so lange. Erst nach einem Gutachten vom Landkreis wurde der Hausmeister aufgefordert, einige kaputte Waschmaschinen zu reparieren. Einen Wäscheständer hatte ich die ersten vier Monate nicht, so dass ich meine Kleidung auf der Heizung trocknen musste. Sie behandeln uns wie Tiere.
Wie steht es um dein Asylverfahren?
A: Seit etwa drei Monaten bekomme ich keine Briefe mehr von der Ausländerbehörde. Ich muss immer, jederzeit damit rechnen, dass der Antrag abgelehnt wird. Dann würde man einen Brief bekommen, der vorschreibt, dass das Land in zehn Tagen verlassen werden muss. Tut man das nicht, wird man abgeschoben. Ich habe schon von Leuten gehört, die nur einige Tage, nachdem sie den Brief bekommen hatten, von der Polizei ohne Vorwarnung mitgenommen wurden. Mir wurde empfohlen, einen Anwalt zu nehmen, aber mit 40 Euro Taschengeld kann ich selbst einen schlechten kaum bezahlen.
Das Interview wurde redaktionell bearbeitet.
¹ Name von der Redaktion geändert


