Kein Fußball in Colditz
24. Oktober 2009
Ein antirassistisches Fußballturnier in Colditz wurde aus Angst vor Naziübergriffen verboten
Dieser Artikel erschien, leicht verändert, bereits am 19. August bei Indymedia. Autor: luna
Colditz in Sachsen kann mit Fug und Recht als „Angstzone“ bezeichnet werden. Nicht nur dominieren Neonazis die Szenerie, auch tut die Stadt alles, um zivilgesellschaftliches und antifaschistisches Engagement zu verhindern. Dies beweisen die notgedrungene Absage eines für den 22. August geplanten antirassistischen Fußballturniers und der Umgang mit einer alternativ dazu angemeldeten Kundgebung.
Für den 22. August hatte der Verein Freiräume Muldental e. V. zusammen mit der Gruppe 468 und dem Club Courage e. V. ein antirassistisches Fußballturnier in Colditz geplant. Da die sachsenweite Kampagne „Meine Stimme gegen Nazis“ derzeit durch den Landkreis Leipzig tourt, bot es sich für sie an, bei diesem Turnier Station und daraus eine gemeinsame Veranstaltung zu machen – mit Fußball, Live-Musik, Infoständen, Redebeiträgen und dem klaren Tenor, dass ein Wiedereinzug der NPD in den Sächsischen Landtag, ebenso wie Diskriminierung, Rassismus und rechte Gewalt im Alltag keine Chance haben dürfen.
Nachdem dem Sportverein, auf dessen Platz das Turnier stattfinden sollte, die politische Dimension der geplanten Veranstaltung bewusst geworden war, nahm der Vorsitzende die zuvor erteilte Zustimmung zur Nutzung des Sportplatzes zurück. Er machte das Einverständnis des Vereins von der Zustimmung der Stadtverwaltung bzw. des Bürgermeisters abhängig, da er Beschädigungen durch die örtliche Neonaziszene befürchtete.
Am 12. August fand ein Kooperationsgespräch zwischen den lokalen Initiator_innen, dem Bürgermeister Manfred Heinz, dem Colditzer Ordnungsamt, der Polizei und dem Sportverein unter Vermittlung des Mobilen Beratungsteams des Kulturbüro Sachsen e. V. statt. Am Ende konnten die Gesprächsteilnehmer_innen keine einvernehmliche Lösung finden. Das geplante antirassistische Fußballturnier wurde nach unannehmbaren Forderungen seitens der Stadt Colditz de facto untersagt. Wichtig ist zu wissen, dass der Vorsitzende des Colditzer Sportvereins zur Durchführung der Veranstaltung bereit gewesen wäre, wenn die Stadt Colditz die Veranstaltung unterstützt hätte. Dazu waren die politisch Verantwortlichen nicht bereit. Vielmehr wurde gefordert, dass die Veranstalter für jegliche Sachbeschädigung auf dem Sportplatz zwei Wochen vor und zwei Wochen nach dem 22. August 2009 haften sollten. Ebenso wurde als Grund für die Nichtdurchführung des Turniers angeführt, dass die Stadt bzw. der Bürgermeister nicht frühzeitig in die Planung einbezogen worden waren.
Die ordnungspolitischen Befürchtungen, dass es zu Sachbeschädigungen seitens der Neonazis kommen könnte, sind nicht ganz von der Hand zu weisen. In der Vergangenheit kam es immer wieder zu bedrohlichen Naziübergriffen. So versammelten sich bspw. am 23. Februar 2008 etwa 100 Neonazis aus der Region Colditz, Leisnig, Döbeln und Mittweida in Colditz und überfielen und demolierten ein Elektrowarengeschäft und eine Turnhalle, in der links-alternative Konzerte veranstaltet wurden, sowie den Dönerimbiss einer türkischen Familie. Dabei wurden Scheiben eingeschmissen, Molotowcoktails geworfen, eine Nebelgranate und eine Bombe, in der sich Farbe oder ähnliche Chemikalien befanden, gezündet. Unter den Angreifern waren auch Angehörige des etwa ein Jahr zuvor verbotenen „Sturm 34“. Wie in den benannten Fällen ähneln sich vor allem die Reaktionen der politischen Verantwortungsträger_innen. Nicht die Neonazis, sondern die, die sich gegen rechts engagieren, werden zum Problem gemacht: Wurde dem Eigentümer der Turnhalle 2008 mitgeteilt, dass er keine Konzertveranstaltungen durchführen darf, wiederholt sich diese Szenerie im Jahr 2009 aufs Neue durch die faktische Untersagung der Nutzung des Sportplatzes.
Gemeinsam mit der Kampagne „Meine Stimme gegen Nazis“, die das Turnier als festen Termin in ihrem Tourplan hatte, wurde nach erfolglosen Interventionsversuchen am 22. August eine Kundgebung auf dem Colditzer Markt angemeldet. Im Kooperationsgespräch geforderte absurde Auflagen (vor allem vom Colditzer Ordnungsamt selbst vorgebracht) wurden von Landratsamt des Landkreises Leipzig in einem Auflagenbescheid zurückgenommen. Bereits beim Aufbau von Infoständen und Musikanlage fuhren mit Nazis besetzte Autos am Kundgebungsort auf und ab. „Good night left side“ und „Todesstrafe für Kinderschänder“ scheinen zum Standard-Kleidungs- und Auto-Aufdruck-Repertoire der jüngeren Colditzer_innen zu gehören. Weil die von der Stadt Colditz zugesagte und durch die Veranstalter_innen bezahlte Stromversorgung doch nicht funktionierte, verzögerte sich der Beginn der Kundgebung. Als sie 16 Uhr dann schließlich beginnen sollte, kamen an die 20 stadtbekannte Nazis auf den Markt, allesamt mit Thor-Steinar-Klamotten, dicken Oberarmen und Bier ausgestattet – Klientel, mit der nicht zu spaßen ist. Während die antifaschistische Kundgebung nichts desto trotz startete, versuchten die Veranstalter_innen die Polizei dazu zu bewegen, die offenkundigen Gegner der Veranstaltung vom Platz zu verweisen. „Solange nichts passiert, werden wir nichts machen“, so die lapidare Antwort der Beamten. Über zwei Stunden liefen trotz der permanenten Präsenz der Nazis Redebeiträge und Live-Musik mit der Skate-Punkband „HeMaTom“ (Colditz). Unter den ca. 50 Besucher_innen.fanden sich wenige Colditzer_innen. Kurz vor Ende hatten sich die pöbelnden, ungebetenen Gäste dann schließlich so viel Mut angetrunken, dass sie sich einzeln der Kundgebung näherten. Einer ging sogar in die Menschenmenge hinein und forderte von einem Antifaschisten die direkte Auseinandersetzung. Nur das Einschreiten der Polizei konnte die Eskalation sowie Angriffe durch weitere Nazi-„Sportler“ verhindern. Gemeinsam verließen die Kundgebungsteilnehmer_innen gegen 18 Uhr schließlich den Ort des Geschehens und begleiteten die wenigen beteiligten Colditzer_innen bis zu einem anderen Platz. Die Nazis folgten. Unter Polizeischutz wurden die Auswärtigen sodann aus der Stadt geleitet.
Colditz war krass. Was viele als „Angstzone“ aus Erzählungen und Texten kennen, ist hier Realität. Verhältnismäßig wenige Nazis, dafür aber gut vernetzt und gewaltbereit, dominieren in Colditz Straße und Stadtklima. Angst und Ignoranz der Mehrheitsbevölkerung bieten ihnen den Background zum ungestörten Agieren. Denen, die sich klar antifaschistisch positionieren oder auf niedrigerem Level für ein angstfreies, von Toleranz geprägtes Klima einstehen, werden dagegen Steine in den Weg gelegt. Der Bürgermeister der Stadt trägt hierfür ganz klar Verantwortung. Den wenigen mutigen Menschen in Colditz, die sich der durch Nazis ausgeübten Kontrolle und Dominanz des öffentlichen Lebens widersetzen, ist viel Kraft und Durchhaltevermögen zu wünschen.


