Nazistrukturen und -aktivitäten in Freiberg
21. August 2009
Nachdem am 1. Mai über 350 Neonazis aus verschiedenen Bundesländern in Freiberg marschierten, wurden immer wieder Rufe laut, die das öffentliche Bild Freibergs in Gefahr sahen. Die öffentliche Kritik richtete sich vor allem an das Verhalten von Landrat und Ordnungsbehörden und nicht an die Ideologie der Nazis. Dass es in Freiberg schon seit Jahren organisierte Nazigruppen gibt, die regelmäßig Aktionen durchführen, wurde nicht thematisiert und einfach verschwiegen. Der folgende Artikel möchte noch einmal einen kurzen Überblick über organisierte Nazistrukturen in Freiberg geben.
Bereits 1991 kam es in Freiberg, im Zuge der Wiedervereinigung und dem einher gehenden Erstarken des Nationalismus, zu einem Brandanschlag auf das Asylsuchendenheim. Seit Anfang der neunziger Jahre kam und kommt es bis heute in Freiberg immer wieder zu zahlreichen Übergriffen. Darunter zu verzeichnen sind mehrere Brandanschläge, Überfälle auf alternative Jugendklubs und oft wiederkehrende gewalttätige Attacken auf alternative Jugendliche und Menschen mit Migrationshintergrund. Damals war die Naziszene vor allem von rechten Skinheads und gegenwärtig nicht mehr existenten Gruppen wie “Last Hope”, “Neue-Ordnung Deutschland” und der “Kameradschaft Norkus” geprägt.
Im Jahr 1998 wurde dann der Kreisverband der NPD gegründet. Erster Vorsitzender wurde Ulrich Lamprecht, der bald von dem aufstrebenden Neonazi Sandro Kempe abgelöst wurde. Dieser ist bereits seit Anfang der neunziger Jahre in der neonazistischen Szene aktiv. Er wurde bereits 1992 auf einer Liste der mittlerweile verbotenen “Nationalistischen-Front”, eine der erfolgreichsten Organisationen des militanten Neofaschismus der 90er Jahre, geführt. Kempe war Mitbegründer und Hauptprotagonist der Freiberger Kameradschaft Norkus, mit welcher er auch am Gränitzer Haus des Holocaustleugners und ehemaligen NPD-Vorsitzenden Günther Deckert Renovierungsarbeiten vornahm. Kempe schrieb unter anderem kurze Beiträge in der “Mitteldeutschen Jugendzeitung” sowie in der NPD Zeitung “Deutsche Stimme” und ist nach Einschätzung von Antifaschist_innen einer der führenden Köpfe der Freiberger Nazi-Szene. 2004 zog er für die NPD in den Kreistag ein. Uwe Schiffler und Horst Gottschalk, der gleichen Partei angehörig, wurden in den Stadtrat gewählt. Im März 2008 erfolgte die Neugründung des NPD Kreisverbands Mittelsachsen, welcher aus den alten Verbänden Mittweida, Döbeln und Freiberg hervorging. Bei den Kommunalwahlen desselben Jahres bekam die NPD 4,7% der Stimmen und konnte ihre Sitze im Kreistag auf vier erhöhen. Derzeitiger Vorsitzender des Kreisverbandes ist Wilko Winkler aus Mühlau. Einer seiner Stellvertreter ist der aus Lichtenberg stammende Steve Weisbach, der seit kurzen den Platz des verstorbenen NPD-Kreistagsmitgliedes Walter Gründing einnimmt. Weisbach ist zudem stellv. Landesvorsitzender der Jungen Nationaldemokraten. Öffentlich trat die NPD vor allem mit Wahlkampfständen, Flyeraktionen und mit einer Demonstration am 7. Oktober 2006, bei der 50 Neonazis aus dem Umfeld der so genannten Freien Kameradschaften und der NPD unter der Führung des NPD-Landtagsabgeordneten Rene Despang durch Freiberg marschierten, in Erscheinung.
Seit 2006/07 treten zudem jüngere Nazis unter dem Label “Freie Nationalisten Freiberg” in der Öffentlichkeit auf, die enge Kontakte zu dem Dresdner Neonazi Maik Müller pflegen. Auf der Internetseite “Netzwerkmitte”, die von Müller betrieben wird, veröffentlichen die “Freien Nationalisten” regelmäßig Aktionsberichte. Sie führten mehrere Stadtrundgänge durch, organisierten im Oktober 2008 eine Kundgebung, an der ca. 30 Personen teilnahmen, störten mehrere antifaschistische und bürgerliche Veranstaltungen, fielen durch Propagandadelikte, wie Sprüh- und Plakatieraktionen, auf und beteiligten sich an Nazi-Demonstrationen in Magdeburg, Dresden, Cottbus und Döbeln.
Einen Treffpunkt für die regionale Naziszene ist der alte Gasthof in Gränitz. Bereits im Juli 2001 erwarb Günther Deckert den alten Gasthof im sächsischen Gränitz (Ortsteil von Brand-Erbisdorf) bei Freiberg, welcher laut eigener Aussagen für Kameradschaftsabende, Konzerte, Saalveranstaltungen, Zeltlager und Schulungen genutzt werden soll. Mittlerweile ist das Haus fast vollständig saniert und wird von mehreren Personen bewohnt. Im August 2008 besuchten in Gränitz ca. 120 Neonazis ein Konzert der NS (Nationalsocialist) Hardcore Bands “Thrima”, “Guiltily the Pain”, “Painful Awakening” und “Diary of a dying Nation”. Ein weiteres Konzert, welches für den 3. April diesen Jahres geplant war, wurde von der Polizei verhindert. Mehrere Dutzend angereiste Neonazis aus Sachsen, Thüringen, Brandenburg und Tschechien sammelten sich daraufhin in einem Szene-Objekt in Dresden-Reick, wo sie jedoch keine Konzertveranstaltung mehr durchführten. Eingeladen zu dem Konzert hatte der Dresdner Neonazi Maik Müller.
Eine unvollständige Chronik rechter Übergriffe und Aktionen findet sich auf der Internetseite der Antifaschistischen Gruppe Freiberg.


